Heraus zum 1.Mai 2007 in Kreuzberg 36 zum Myfest
Mythen bilden sich über Jahre hinaus und werden im Laufe der Zeit unterschiedlich wahrgenommen. Mythen brauchen Bilder und Bilder werden vor allem durch Medien gemacht, es sei denn, man überzeugt sich durch seine eigenen Augen vor Ort, von dem was tatsächlich geschieht.
Bei allen Debatten und klugen Sprüchen zum Mythos von Kreuzberg ist immer eine Erkenntnis klar formuliert wurden: Die Kreuzberger suchen eigene Wege. Mit dem Myfest haben einige von ihnen gesagt: Wir wollen unseren 1. Mai, wir wollen das Programm, das Leben auf den Straßen, das wir uns selber suchen. Wir respektieren die politischen Demonstrationen auf den Straßen, aber ein großer Teil der Bevölkerung versteht es nicht mehr, warum sie diejenigen sein sollen, deren Autos brennen sollen, deren Feste gestört werden, deren Fensterscheiben zerborsten; warum ihr Kiez für dieses Image, das immer weniger geprägt ist von den politischen Motivationen der achtziger und neunziger Jahre, herhalten soll.
Einem grundsätzlichen Irrtum entgegentretend - die Organisator/innen hätten in dem Glauben gelebt, dass durch das Myfest mit dem „Ritual Gewalt“ gebrochen werden kann -, wollen wir ganz deutlich sagen: Wir haben uns nicht der Illusion hingegeben, dass wir mit einer „Eintagsaktion“ Gewalt, aus welcher Motivation heraus auch immer, beseitigen könnten. Die Gewalt, die in den letzten Jahren sichtbar wurde, entspringt gesellschaftspolitischen Problemen, manchmal einfach aber einfach nur der persönlichen Langeweile, der Neufestigung von Gruppenhierachien, deren Lösung langfristiger gesamtgesellschaftlicher Strategien bedarf. Wir verkennen nicht, dass die Auslöser der Krawalle in den letzten Jahren andere Motive hatten als jene, die sich am Ende der achtziger und in den neunziger Jahren gegen die Staatsmacht aufbäumten. Aber heute wir damals gilt: Es wird kein Rezept geben, dass allein für sich genommen unser Problem löst, es bedarf der Strategie der kleinen Schritte. Ein Schritt ist der Wille der Akteure des Myfestes, das Leben im Kiez in seiner Vielfalt darzustellen, sich aber auch mit seinen Problemen auseinander zu setzen.
Eine Auseinandersetzungsform ist am 1.Mai die Musik
Es gibt die perfekte Musik, die dich egal in welcher Stimmung mitnimmt in eine andere Welt. Die Musik kann Dir Hoffnung, Mut und manchmal auch tiefe Zufriedenheit geben, manche Musikstücke vermitteln Dir das Gefühl Teil eine Gruppe zu sein. Am deutlichsten trifft dies sichtbar bei Jugendlichen zu Tage. Einer besorgt sich eine Musik CD – hört sie, spricht oder singt die Texte nach, lädt Freunde ein, um die gleiche Musik zu hören. Sie hören gemeinsam, sie lernen die Texte auswendig und singen die Lieder nach. Sie werden Teil einer Gruppe, Teil einer „Gang“, sie suchen Gleichgesinnte und finden sie.
Hier werden Vorbilder gemacht, Vorstellungen entworfen, Hoffnung erweckt, Werte geboren und gefestigt und manchmal auch Zukunft geträumt.
Jede Musik hat seine Zeit und jede Zeit bestimmt für den Moment innerhalb eine Gruppe, einer Szene den Status Quo. Dieser definiert immer die Gegenwart aus der Abgrenzung oder auch Weiterentwicklung des Vergangenen.
Der Song von Ton-Steine-Scherben: “Keine Macht für Niemand“ und „Mein Name ist Mensch“, prägte eine Jugendgeneration. In diesen Songs war alles enthalten, wovon viele einer Generation träumten und wofür sie kämpften. Es war die Sehnsucht auszubrechen aus der Welt der Konventionen, aus den deutschen Tugenden von Unterordnung, Ordnung, Sauberkeit und Disziplin. Es war die Zeit der Abgrenzung von allen ritualisierten, starren und verstaubten Lebensentwürfen und das Aufbegehrten gegen das unermessliche Profitstreben der Immobilienspekulanten und Baulöwen und ihren politischen Wegbereitern. Es war die Zeit mit extremen politischen Verwerfungen und Ausdifferenzierungen. Das Beharrungsvermögen von den politisch Herrschenden und die gewalttätigen Auseinandersetzungen um den Zugang von Lebens- und Gestaltungsräumen, sind auch aus heutiger Sicht kein Glanzstück für das demokratische Berlin, aber und das sei hier auch ganz deutlich gesagt, der gesamtgesellschaftliche Wertewandel speist sich unter anderem auch aus dieser Zeit.
Musik hat wesentlich zur Politisierung beigetragen und dass auch heute noch gerade unter Jugendlichen die Musik Ausdruck einer politischen Meinungsäußerung ist und das sehr massiv beweist der 1. Mai in Kreuzberg auf dem MYFEST.
Dazu laden wir ein. Nahere Informationen über das Programm finden sich auf unserer Internetseite Seite www.myfest.de.
Silke Fischer in Vertretung für die Myfest-AnwohnerInnen
Seitenanfang
